Püfferkes zu St. Martin

Martinslaternen

Ein großes Dankeschön an Lukas und Henry, die mir für die Fotos zu diesem Artikel ihre selbst gebastelten Laternen ausgeliehen haben!

Einmal im Jahr fühle ich mich als Kempenerin. Normalerweise spielt die Kleinstadt am Niederrhein, in der ich aufgewachsen bin, keine große Rolle mehr in meinem Leben, und ich fühle mich längst in Hamburg zu Hause. Aber sobald der 10. November näherrückt, denke ich plötzlich mit einem klitzekleinen bisschen Nostalgie an den Martinsabend in Kempen. Das Heiligenfest für den römischen Soldaten, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte, ist dort nämlich so was wie der höchste Feiertag im Jahr, und entsprechend wird es auch nur dort korrekt begangen. Finde ich.

Korrekt heißt: mit einem Laternenumzug, der jedes Jahr die gesamte Stadt in Ausnahmezustand versetzt und den außer den Bewohner_innen selbst ungefähr 30.000 Menschen aus dem Umland anschauen. (Schaut nur mal auf YouTube nach „St. Martin Kempen“; dort gibt es jede Menge schlechte Videos dazu.) Der Martinszug findet am Vorabend von St. Martin statt, also am 10. November, und er ist eine verpflichtende Veranstaltung für alle Kempener Schulkinder bis zur Mittelstufe.

Entsprechend ernst wird er genommen. Im Kunstunterricht werden jedes Jahr Laternen gebastelt (in Kempen aus irgendeinem Grund als Fackeln bezeichnet). Selbstverständlich werden sie benotet, und die besten Exemplare jeder Klasse wandern zur großen Fackelausstellung ins Rathaus, wo noch einmal die besten der Stadt prämiert werden. Inzwischen werden im Musikunterricht St.-Martins-Lieder geübt – genau, jedes Jahr wieder. Weckt mich um Mitternacht, und ich singe euch aus dem Stand jeweils drei bis vier Strophen von „St. Martin, St. Martin“ oder „Der Herbststurm braust durch Wald und Feld“. Ha!

Der Laternenzug am Martinsabend führt durch die ganze kerzen-und-laternengeschmückte Innenstadt. Begleitet wird er von sämtlichen Spielmannszügen und Posaunenchören aus Stadt und Umland, und allen voran reitet St. Martin mit seinen zwei Herolden. Zum Höhepunkt, wenn der Zug sich einmal um die Kempener Burg windet, gibt es ein großes Feuerwerk. Für die Kinder heißt das: nicht mehr lang bis zum Buttermarkt. Dort brennt ein großes Feuer, dort teilt St. Martin seinen Mantel, und dort ziehen alle Beteiligten zum Schluss durchs Rathaus und bekommen die „Blo-ese“, eine Tüte voller Süßigkeiten.

Nach dem Zug gingen wir früher noch in kleinen Gruppen mit unseren Fackeln von Haus zu Haus, sangen Martinslieder und bekamen dafür weitere Süßigkeiten. (Ich glaube, es hatte schon seinen Sinn, dass der diensthabende St. Martin während meiner gesamten Kindheit ein Kempener Zahnarzt war – das Brauchtum sicherte ihm vermutlich übers gesamte Jahr den Lebensunterhalt.) Später initiierte meine Schule jeweils eine St.-Martins-Spendenaktion, für die wir statt mit Süßigkeitentüten mit Sammeldosen loszogen.

So geht St. Martin. Jedes Jahr lag in der „offiziellen“ Süßigkeitentüte wieder die nicht verkauften Sommereditionen eines in Kempen ansässigen Keksherstellers. Jedes Jahr brannten beim Zug irgendwelche Fackeln ab (Elektrobeleuchtung wäre damals gegen unseren Stolz gegangen; das war etwas für den Kleinkinderzug am Nachmittag). Mindestens jedes zweite Jahr mussten alle Fackeln gegen den Regen in Plastiktüten verpackt werden. Jedes Jahr stimmten die Spielmannszüge nach dem Feuerwerk das Martinslied zwar einigermaßen synchron, aber leider in verschiedenen Tonarten an.

Püfferkes mit Martinslaternen

Und jedes Jahr zu St. Martin – und nur dann! – gab es in Kempen Püfferkes, Krapfen aus Quarkteig. (Nein, nicht Poffertjes – die sind wieder was anderes.) Püfferkes sind mein Nostalgiegebäck. Während des Studiums habe ich einmal einen Martinsabend für ein paar Freundinnen und Freunde veranstaltet. Damals konnte ich meine offenbar sehr duldsamen Gäste tatsächlich dazu bringen, mit selbst gebastelten (!) Laternen einen Mini-Umzug durchs Hamburger Schanzenviertel (!) zu veranstalten. Nur singen wollte dabei keiner. Pfff. Dabei hatte ich die Martinslieder extra mit ihnen geübt! Trotzdem gab es nach dem „Zug“ Püfferkes und Glühwein, und der Abend wurde ganz schön lustig. Soweit ich mich erinnere …

Nun habe ich zum ersten Mal seit Jahren wieder Püfferkes gebacken, auch ohne Laternenumzug und dazu noch völlig regelwidrig am Tag vor dem Martinsabend – einfach weil ich dieses Rezept, an dem für mich so viele Erinnerungen hängen, mit euch teilen wollte. Probiert die Krapfen ruhig aus, auch wenn ihr sie nicht mit St. Martin in Kempen verbindet. Sie schmecken nämlich auch ohne Nostalgieverzuckerung sehr fein.

Püfferkes
Quelle: 
Zubereitungszeit: 
Garzeit: 
Zeitbedarf gesamt: 
 
Zutaten
  • 3 Eier (Größe M)
  • 125 g Zucker
  • 1 Prise Salz
  • 250 ml Milch
  • 250 g Magerquark
  • abgeriebene Schale von ½ Bio-Zitrone
  • 500 g Mehl (Type 405)
  • 1 EL Backpulver
  • 100 g Rosinen
Außerdem:
  • ca. 1,5 l hoch erhitzbares Pflanzenöl zum Frittieren
  • 4 EL Zucker zum Wälzen
Anleitung
  1. Alle Zutaten von Eiern bis Backpulver mit den Knethaken des Handrührgeräts oder in der Küchenmaschine zu einem zähen Teig verarbeiten. Die Rosinen unterheben.
  2. Das Öl in einem weiten Topf oder Wok erhitzen. Es ist heiß genug, wenn an einem hineingehaltenen Holzstäbchen sofort viele kleine Bläschen aufsteigen.
  3. Die Püfferkes portionsweise ausbacken: Dazu mit zwei Esslöffeln ungefähr zwetschgengroße Nocken von dem Teig abstechen und in das heiße Öl gleiten lassen. Nicht zu viele auf einmal hineingeben, damit das Öl nicht zu stark abkühlt und sie genügend Platz haben – sie gehen noch auf! Die Püfferkes in ca. 4 Minuten goldbraun ausbacken, mit einem Schaumlöffel herausnehmen und auf Küchenpapier entfetten.
  4. Den Zucker in einen tiefen Teller geben und die Püfferkes noch warm darin wälzen.
Anmerkungen
Das Rezept ergibt ca. 30 pflaumengroße Püfferkes.
Sie schmecken am allerbesten am Backtag.

Püfferkes

Mir ist es übrigens wieder mal nicht gelungen, die Püfferkes tennisballgroß hinzubekommen, wie sie eigentlich gehören. Trotz aller Spielerei mit der Hitze des Ausbacköls werden sie mir immer außen zu dunkel, bevor sie innen ganz durch sind. Und auch wenn ich sie von früher genauso dunkel in Erinnerung habe, gefallen sie mir schön goldbraun einfach besser. Also habe ich sie im Endeffekt eher pflaumengroß gemacht, und dann funktioniert’s auch. Das Rezept habe ich mir schon vor über zwanzig Jahren von meiner Mutter abgeschrieben, die es wiederum von einer Nachbarin bekommen hatte. Ich habe nur die Menge halbiert (ja, in Kempen werden zu St. Martin viele Püfferkes gegessen!) und Zitronenschale mit in den Teig gegeben.

Kennt ihr solche regionalen Spezialitäten, die für euch ähnlich stark mit Kindheitserinnerungen verknüpft sind?

8 Gedanken zu “Püfferkes zu St. Martin

  1. Barbara

    Wie, und deine Kommilitonen wollten nicht singen??? Olle Spielverderber! ;) :D

    Danke für die schöne Geschichte! Und für’s Erinnern: Ich muss uns dringend noch mit ein paar Süßigkeiten eindecken. Heute Abend ziehen die kleinen Martinssänger hier von Haus zu Haus – auch schon am Vorabend zum Martinstag. Das stieß, als ich das neulich mal auf FB schrieb, auf große Verwunderung. Ist hier aber so! :)

  2. Dirk

    Lieben Dank für Deine tolle Geschichte :-)
    Wir waren gestern mal wieder in Kempen und haben den Umzug, wie immer, sehr genossen. Heute werde ich, nach Deinen Rezept, ein paar Püfferkes für St. Martin in Lobberich machen. Und WIR werden singen ;-)

  3. Anna v. Villiez

    Ich habe bei meinen inzwischen traditionellen Silvesterbesuchen bei meinem Bruder in Amsterdam „Oliebollen“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Oliebol) kennen gelernt. Quasi das Pendant zum deutschen Berliner an Silvester, aber den Püfferkes offenbar stark artverwandt (nur wohl mit Hefeteig). Am 31.12 bilden sich überall auf den Grachtenbrücken lange Menschenschlangen vor den Buden, die Oliebollen verkaufen. Zwar keine Kindheitserinnerung für mich, aber die Oliebollen sind fester Teil meiner schönen Amsterdamer Silvestererinnerungen.

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Die sehen wirklich ziemlich artverwandt aus. Und das mit den Schlangen vor den Ständen passiert in Kempen zu St. Martin auch. Irgendwie finde ich es toll, wenn es bestimmte Sachen nicht das ganze (oder wie Lebkuchen: das halbe) Jahr über gibt, sondern nur zu bestimmten Tagen.

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