Schön, wenn der Schmerz nachlässt: Der Pepper-High Effect

Mood Food oder Seelenfutter, darunter verstehe ich ja in erster Linie Gerichte, die guttun, weil man damit Positives verbindet. Eher skeptisch bin ich, ob man sich mithilfe bestimmter Lebensmittel-Inhaltsstoffe tatsächlich glücklich essen kann. Einfach Bananen (enthalten Tryptophan), Schokolade (Theobromin) oder Lachs (Omega-3-Fettsäuren) einwerfen, und schon sieht die Welt schöner aus? Na ja. Dazu ist der Gehalt der jeweils auf den Stimmungshormonhaushalt wirkenden Substanzen in normalen Portionen zu gering, und die Stoffwechselprozesse sind zu komplex.

Chilischoten

Aber in einem Punkt folge ich den Iss-dich-glücklich-Forscherinnen und -Forschern gerne: wenn es um den sogenannten pepper-high effect geht. Der Begriff steht dafür, dass scharfes Essen regelrecht berauschen kann. Scharf ist ja kein Geschmack, den wir mit bestimmten Rezeptoren auf der Zunge wahrnehmen wie Süß, Salzig, Sauer, Bitter und Umami. Schärfe ist ein Schmerzreiz, der im Körper eine Alarmreaktion auslöst: „Achtung, Schmerz lindern – ordentliche Portion Endorphine ausschütten!“ Prompt wird die körpereigene Drogenproduktion angekurbelt. Endorphine sind Morphine, also Schmerzstiller, die an den gleichen Nervenzellen im Hirn andocken wie beispielsweise Heroin.

Einen Vollrausch lösen Chili, Pfeffer, Meerrettich & Co. nun nicht gerade aus. Aber dass Scharfes die Laune hebt (und auch ein bisschen süchtig macht), entspricht durchaus meiner persönlichen Erfahrung. Ich koche einfach gerne mit brennenden Gewürzen, und ich esse gerne scharf (auch wenn ich davon häufig Schluckauf bekomme, womit ich wohl nicht alleine bin). Allerdings treibe ich es nicht gerade bis zu Schweißausbrüchen und Herzrasen, weiß also nicht, ob ich tatsächlich schon einmal die Wirkung der „indischen Glücksdrogen“ zu spüren bekommen habe.

Zumindest Anerkennung haben wir uns durch Scharfessen schon einmal verschaffen können: Ende 2012 waren M. und ich in Darjeeling in Nordindien und sind dort ein paar Tage in den „Hügeln“ (auch schon ausgewachsene Dreitausender) am Fuße des Himalaya wandern gegangen. Ein Guide war auf dem Singalila-Trek verpflichtend, und wir hatten großes Glück mit unserem. Als wir uns auf der ersten Rast mit Nudelsuppe stärkten, brachte er aus der Küche der Hütte ein großes Glas mit kugelrunden, winzigen (maximal kirschgroßen) eingelegten Chilischoten und erklärte: „Atom bombs.“ Diese Chilis gehörten in der Gegend zu jeder Mahlzeit, und ob wir gerne scharf äßen? Wir bejahten, bekamen jeder eine und probierten. Holla! Die waren wirklich scharf! Aber genau richtig, um die wohl aus der Fertigpackung stammende Nudelsuppe zu verbessern.

Auf dem Singalila-Trek

Auf dem Singalila-Trek an der Grenze zwischen Nordindien und Nepal

Wir aßen, unser Guide schien beeindruckt, verschwand in der Küche und kam mit der Hüttenwirtin zurück, die uns nun gleichfalls interessiert beim Essen zusah. Als wir aufgegessen hatten, ernteten wir beifälliges Nicken. Fortan eilte uns unser Ruf voraus: Der Guide erzählte auf jeder Hütte, wir „könnten scharf“, und wir bekamen zu jeder Mahlzeit (inklusive Frühstück) „atom bomb chili“ serviert. Natürlich fühlten wir uns verpflichtet, die Ausländerehre hochzuhalten und die Hornhaut auf unserer Zunge immer wieder neu unter Beweis zu stellen – auch auf Kosten sämtlicher anderer Aromen, die das Essen möglicherweise hatte und die von Schärfe vollkommen überlagert wurden. Am Ende des Treks hatten wir Chilis dann erst einmal für eine Weile satt!

Blick auf die Kanchenjunga-Gruppe

Der Lohn der Mühen: Blick auf die Kanchenjunga-Gruppe (in Form eines liegenden Buddha) mit dem dritthöchsten Berg der Welt

Und, wie ist das bei Euch? Esst Ihr gerne scharf? Und seid Ihr davon schon einmal high geworden?

5 Gedanken zu “Schön, wenn der Schmerz nachlässt: Der Pepper-High Effect

  1. Die Küchenschabe

    Wir esssen gerne scharf. Der Mitkoch verträgt allerdings mehr als ich – leider. Er hat erst einmal aufgegeben: in einem kleinen indischen Lokal in London. Da bestellte er extra spicy, und das war’s dann auch wirklich. Gut zwei Drittel schaffte er, dann gab er auf. Außerdem bekommt er regelmäßig Schluckauf und ich nicht, was er extrem ungerecht findet. Der Rest der Familie macht sich dann immer lustig über ihn „na, ist dir wohl doch zu scharf“ (Er hat nämlich immer zusätzlich eine Chilimühle neben seinem Essen stehen. „Angeberchili“nennen wir das und lauern immer schon auf die ersten Schluckauf-Anzeichen :-))

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Dass Ihr gern scharf esst, hatte ich schon mitbekommen. ;-) Und wer den Schluckauf hat, braucht für den Spott wahrlich nicht zu sorgen – mein Mitgefühl dem Mitkoch! Ich muss auch immer allen hicksend versichern, dass ich scharf wirklich mag – „doch, echt!“.

  2. Tina

    Ich bin ein großer fan vom scharfen essen. Ich bin auch der ansicht, das ist etwas trainierbar. zumindest bis einer gewissen grenze.

    Aufgeben ist mir auch schon passiert, zwar nicht in london , aber auch bei einem indischen restaurant.

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Ja, scharf essen ist definitiv trainierbar! Oder umgekehrt: Die Empfindlichkeit für Scharfes nimmt ab, je mehr man davon isst. Ich bin mal einem Typen begegnet, der durch stetiges Training bei einem Verbrauch von einem 500-Gramm-Glas Sambal oelek pro WOCHE angekommen war.

  3. Pingback: Schöner schärfen: Selbst gemachte Harissa – Schmeckt nach mehr

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