Iss doch wenigstens das Fleisch!

Toller Titel, oder? Leider stammt er nicht von mir – den haben sich die Leute im Rowohlt Verlag für ein Büchlein ausgedacht, das neulich bei mir im Briefkasten landete: Iss doch wenigstens das Fleisch*, ein Band mit 16 Kurzgeschichten darüber, „Wie wir wurden, was wir aßen“ (so vermeldet es die Buchrückseite), herausgegeben von Ulrike Sterblich.

Cover Iss doch wenigstens das Fleisch

Geschichten übers Essen lese ich immer gern, und an anderer Stelle habe ich schon mal erwähnt, dass das Thema noch längst nicht auserzählt ist. Also habe ich da Buch innerhalb kürzester Zeit … nun ja: verschlungen. Sogwirkung entwickelt es also. Und sonst?

Ehrlich gesagt: Meine persönliche Bilanz fällt ein bisschen gemischt aus. Die allermeisten Beiträge beschäftigen sich mit kulinarischen Kindheitserinnerungen, und nicht alle kommen dabei an einen Punkt, an dem ich aus diesen individuellen Erfahrungen etwas Interessantes für mich mitnehme. Manche wirken ein wenig wie Besinnungsaufsätze – statt „Mein schönstes Ferienerlebnis“ werden hier halt „Meine eindrücklichsten Mahlzeiten“ behandelt.

Andererseits kann das auch ganz lustig oder sonstwie interessant daherkommen. Aus den insgesamt 16 Beiträgen plus Nachwort ragten einige für mich heraus:

 

Lucy Fricke, „Wer einmal Pansen sagt“

Ein Mädchen teilt mit dem südamerikanischem Vater die Vorliebe für Fleisch, vor allem Innereien: Hirn, Hoden, Zunge und Pansen – zum Entsetzen der Gleichaltrigen.

Sie aß alles, doch sie liebte die falschen Speisen. Das führte schon damals ins gesellschaftliche Aus. Heute noch viel mehr.

Zum Glück erschöpft sich die Geschichte nicht im Damals, sondern schlägt einen Bogen in eine andere Zeit und an einen anderen Ort. Und der zeigt, dass der Weg ins gesellschaftliche Aus eine Frage der Gesellschaft ist. Das Ganze wird sehr lakonisch erzählt, aber in manchen Momenten auch so sinnlich, dass ich am liebsten selbst ein Stückchen Zunge aufgegabelt hätte, um es in den Mund zu stecken.

Schweinepfoten in der Metzgerauslage

 

Peter Glaser, „Früher essen“

Diese Sammlung von nicht sonderlich zusammenhängenden Erinnerungen ans Essen ist einfach richtig gut erzählt – von einem, der nach eigenem Bekunden eine Materialänderung bei Legosteinen am Geschmack erkannt hat und schon als Kind gerne zu den Nachbarn zum Essen ging,

[…] nicht weil ich hungrig war, sondern weil mich das Andere am Essen der anderen interessierte, andere Gerüche, andere Rezepturen, anderes überhaupt.

Aus heutiger und norddeutscher Perspektive erweisen sich die Erinnerungen an steirische Mahlzeiten der Sechzigerjahre als das Andere, und von dem kauzigen Onkel und den Großeltern und ihren Essensgewohnheiten habe ich gerne gelesen.

Sarah Stricker, „Eine wahre Geschichte“

Beim Kochen und bei Geschichten, so die Autorin, gibt es nicht die eine Wahrheit, und bei beiden kommt es auf die richtige Mischung an. Sie erzählt die Essenserinnerungen von Rivka, einer jemenitischen Jüdin, die als Mädchen nach Israel kam. Aber diese Geschichten verändern sich, lauten im einen Moment so und im anderen ganz anders. So oder so aber geben sie Einblick in das heterogene kulinarische Erbe Israels und die kulturellen Gräben, die sich zwischen Liebhabern der scharfen jemenitischen Sauce Skhug und denen von Gefilte Fisch auftun können.

Fil, „Das Fleisch“

Eine Geschichte, die nichts mit harmlosen Kindheitserinnerungen zu tun hat: Wer groteske Horrorfilme mag, wird sie lieben. Ob ich …? Äh, eigentlich nicht. Aber man muss sagen: Dieser Beitrag bleibt auf jeden Fall im Gedächtnis. Ob man das will oder nicht.

Kassler in der Auslage des Metzgers

Insgesamt bietet das Büchlein jede Menge Food for Thought, gerade was den Zusammenhang von Essen mit Identität und Gefühlen angeht. Besonders intensive Emotionen scheint übrigens das Thema Fleisch hervorzurufen – keine Ahnung, ob das bei den Beitragenden explizit so angefragt wurde oder ob es sich so ergeben hat. Jedenfalls geht es bei vielen der Autor_innen darum: Die einen verfassen vegetarische (oder vegane) Manifeste, die anderen ergeben sich ebenso demonstrativ der Fleischeslust, entweder in der Erinnerung oder in der Fantasie. So oder so ist „Fleisch oder nicht Fleisch?“ die Frage, um die viele der Erzählungen kreisen, das ultimative Tabu, die ultimative Provokation.

Insofern verrät das Buch bei aller Rückschau vor allem eines: unsere heutige Perspektive nämlich; die Art, wie wir gerade übers Essen nachdenken und reden. Mich würde interessieren, wie die Geschichten wohl in zehn Jahren wirken, wenn sich möglicherweise ganz andere Aspekte beim Essen aufgetan haben – oder aber (wer weiß das schon?) das Thema insgesamt aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist. Ich werde es jedenfalls im Regal behalten und sicher hin und wieder mal reinblättern.

Hinweis: Das Buch wurde mir vom Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Trotzdem gibt dieser Artikel ausschließlich meine persönliche Meinung wieder.

Ulrike Sterblich (Hg.)
Iss doch wenigstens das Fleisch!
Rowohlt Taschenbuch Verlag 2016
224 Seiten, Hardcover
Preis: 12,00 Euro

Und apropos … das kann ich mir jetzt nicht verkneifen:

5 Gedanken zu “Iss doch wenigstens das Fleisch!

  1. Pingback: Kollektive Essens-Erinnerungen: Die Doku-Serie Back in Time for Dinner – Schmeckt nach mehr

  2. Nora

    Ein sehr interessanter Beitrag ! ^^…etwas komische Fotos, zugegeben! :O :/…naja, trotzdem Danke und ganz viele Grüße aus schenna südtirol ! Nora

  3. Petra

    Ein sehr interessanter Artikel der zum nachdenken anregt, besonders wenn es um den heutigen Umgang mit Lebensmitteln geht.
    Wirklich lesenswert !

  4. Phil

    Danke für den Buchtipp! Geschichten, die die gesellschaftlichen Normen auf den Kopf stellen , sind mir am liebsten. Sie bieten einem eine hervorragende Möglichkeit zur Selbstreflexion. Ich war früher selber ein großer Fleischvernichter, aber das hat sich mit der Zeit und vielen neue dazugewonnenen Eindrücke stark verändert.
    LG

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