Deutsche Heimwehküche in der Türkei

Manche Gerichte gehören einfach so selbstverständlich zu unserem Leben, dass wir darüber kaum nachdenken – geschweige denn in uns hineinhorchen, was wir emotional mit ihnen verbinden. Was aber, wenn dieses Selbstverständliche gar nicht mehr selbstverständlich ist? Weil sich die Lebensumstände geändert haben zum Beispiel? In dieser Interviewreihe befrage ich Menschen, die aus dem Land ihrer Kindheit weggezogen sind, nach Essgewohnheiten, Lieblingsgerichten und einem Heimwehgefühl, das sich am Geschmack von früher festmacht. Die anderen Interviews der Reihe finden sich hier.

Istanbul

Die Übersetzerin Katja Tongucer kenne ich aus dem wunderbaren Textfrauennetzwerk Texttreff. Persönlich begegnet sind wir uns zwar bisher noch nicht, aber ich habe aus der Ferne verfolgt, wie sie mit ihrer ganzen Familie von Moskau in die Türkei gezogen ist. Seitdem schmökere ich immer wieder in ihrem spannenden Blog Istanbul:er:leben. Dass ich sie mit meinen Heimwehküchen-Fragen löchere, war daher nur eine Frage der Zeit schließlich weiß ich, dass Katja eine Menge Geschichten über das Essen in der Türkei erzählen kann!

Seit wann lebst du in Istanbul und warum bist du hingezogen?

Nach Istanbul hat es mich vor etwa 20 Monaten verschlagen. Mein Mann stammt aus der Türkei und ist in Istanbul geboren. Er ist zwar größtenteils in Deutschland aufgewachsen, aber es war schon lange unser Wunsch, mit unseren Kindern für eine Weile in der Türkei zu leben. Wir wollen ihnen diesen Teil ihrer Wurzeln näherbringen.

Bevor wir nach Istanbul gezogen sind, haben wir viereinhalb Jahre in Moskau verbracht. Mein Mann war beruflich dorthin entsendet worden, und eine Fernbeziehung kam für uns nicht infrage. Also sind wir mit Sack und Pack nach Russland gezogen. Dass wir im Anschluss in Istanbul landen würden, war damals unser Wunsch, aber es war nicht konkret geplant.

Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass ich in Istanbul wohne. Schon vor 15 Jahren habe ich mit meinem Mann für ein Jahr hier gelebt und gearbeitet. Damals hatten wir noch keine Kinder und das Leben war ein komplett anderes. Die Stadt hat sich seither sehr verändert.

Auch in kulinarischer Hinsicht.

Gibt es ein Erlebnis, bei dem dir die Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Essgewohnheiten so richtig deutlich geworden sind?

Der Unterschied wird mir immer dann besonders deutlich, wenn ich mal wieder merke, dass es in der Türkei kaum ein wichtigeres Gesprächsthema gibt als das Essen. Darüber habe ich sogar mal einen eigenen Blogbeitrag geschrieben. Die Türken lieben ihre vielseitige Küche. Jede Familie hat ihre eigenen Lieblings- und Traditionsgerichte. Die Türken können sich von morgens bis abends übers Essen unterhalten, und schon während des Frühstücks wird das Abendessen geplant.

Türkische Küche

Türkische Küche: ungeheuer abwechslungsreich. Foto: Katja Tongucer

Bei meinen ersten Besuchen bei der türkischen Schwiegerfamilie wurde ich meist gefragt, ob ich denn schon türkische Gerichte kochen könne. Ich konnte damals überhaupt nicht kochen, was mir allerdings keiner so recht glauben wollte. Das Essen hat einen wirklich großen Stellenwert hier.

In Istanbul bin ich ziemlich schnell der türkischen Küche verfallen, vor allem das Streetfood hat es mir angetan. An jeder Ecke gibt es Köstlichkeiten, gut und günstig. Wer nach einem Stadtbummel hungrig nach Hause geht, hat definitiv etwas verpasst.

Als wir das erste Mal in Istanbul lebten, ist mir besonders aufgefallen, dass es kaum ausländische Restaurants gab. Pizzerien oder chinesische Restaurants waren sehr schwer zu finden. Mexikanisch gab es gerüchteweise in irgendeinem abgelegenen Stadtteil auf der anderen Seite des Bosporus, und von Sushi konnte man nur träumen. Ich führte das darauf zurück, dass die reichhaltige und vielseitige türkische Küche schon genug Abwechslung bietet und dass – wie bereits erwähnt – die Türken stolz auf ihre Küche sind.

Inzwischen hat sich das geändert. Istanbul ist viel kosmopolitischer geworden. Es leben mittlerweile viele Ausländer in der Stadt, die jungen Menschen sind abenteuerlustiger und aufgeschlossener. Allerorten findet man italienische Restaurants, Inder, Chinesen, Japaner. Viel Fusion und alles meistens sehr hip und schick.

Aber so ganz verdrängen lässt sich die türkische Esskultur nicht, und vor allem das wirklich ausgiebige Sonntagsfrühstück wird immer mehr zum kulinarischen Kulturgut.

Was empfindest du als typisch türkische Essgewohnheiten?

Zum Frühstück gibt es Oliven, Schafskäse, Eier und Tee. Mittags isst man die Reste vom Vortag oder man geht in die Kantine oder in eines der zahlreichen Restaurants, die mittags schnell und günstiges Essen servieren. Das sind meistens Gemüse- und Fleischgerichte in Tomatensauce oder Brühe mit Reis und Salat. Abends gibt es von der Mutter oder Ehefrau gekochte Hausmannskost. Weißbrot ist ein wichtiges Grundnahrungsmittel und wird zu den meisten Essen gereicht. Gerne schleckt man auch die Salatsoße mit einem Stückchen Brot aus der Schüssel.

Bei uns zu Hause gibt es manchmal ganz normales deutsches Abendbrot. Käse, Wurst, aufgeschnittene Tomaten und Brot vom deutschen Bäcker. Unsere türkischen Freunde machen sich darüber schon mal lustig, denn wir essen quasi Frühstück zum Abendessen.

Ein Abend mit Freunden findet meist an einer Rakıtafel statt mit dem typischen Anisschnaps und vielen leckeren Meze. Diese kleinen Gerichte und Vorspeisen machen meist schon so satt, dass für den Hauptgang kaum mehr Platz bleibt.

Eine Auswahl türkischer Meze

Meze, die vielfältigen Vorspeisen der türkischen Küche. Foto: Katja Tongucer

Die türkischen Essgewohnheiten lassen sich nicht so leicht in ein paar Sätzen beschreiben. Ich selbst entdecke auch nach so langer Zeit an der Seite eines Türken immer wieder neue Facetten.

Gibt es Lebensmittel, die du im neuen Zuhause vermisst und die du dir von Besuchern aus Deutschland mitbringen lässt?

Schweinefleisch. Schinken, Bratwurst, die gute, saarländische Lyonerwurst, Salami, Speckwürfel. Solche Sachen vermisse ich manchmal. Man kann zwar in einigen Supermärkten Produkte aus Schweinefleisch kaufen, aber die Preise sind horrend. In der Weihnachtszeit vermisse ich Lebkuchen und Marzipankartoffeln. Buttermilch und Quark sind hier völlig unbekannt. Gutes, deutsches Brot gibt es zum Glück direkt in unserer Nachbarschaft, da hat eine deutsche Bäckerei auch leckere Brezeln und Körnerbrötchen im Angebot.

Im Grunde ist es aber doch so, dass man sich nach diesen Dingen nicht verzehren sollte. Dann wird das Heimweh doch nur größer. Viel lieber entdecke ich neue Lebensmittel und probiere aus, was sich damit machen lässt.

Welche Gerichte schmecken für dich nach der alten Heimat?

Currywurst. Ist das zu glauben? Wenn mich vor meinen Auslandsaufenthalten jemand gefragt hätte, was ich wohl am meisten vermissen würde, hätte ich bestimmt was ganz anderes geantwortet. Dabei bin ich eigentlich kein großer Fleischesser und kann gut eine Weile vegetarisch leben. Aber sobald ich in Deutschland bin, gönne ich mir eine Portion Currywurst mit Pommes. Und einen guten, deutschen Döner mit Joghurtsauce. Den bekommt man hier nämlich auch nicht. Türkischer Döner ist ganz anders.

Ein richtiges Heimwehgericht sind die leckeren Mehlknödel bei meiner Mutter. Es ist ein einfaches Gericht. Eigentlich ein Arme-Leute-Essen. Aber mit selbst eingemachten Pflaumen dazu oder Schlackes (Saarländisch für Apfelmus :)) lasse ich dafür jedes 5-Sterne-Menü stehen.

Auf welche türkischen Lebensmittel oder Gerichte würdest du nie wieder verzichten wollen?

Das ist eine schwierige Frage. In Deutschland vermissen wir am meisten hausgemachte Mantı. Die türkischen Ravioli sind das Lieblingsessen meines Mannes und wir alle essen sie wirklich gerne.

Manti selbst machen

Manti selbst zu machen ist ein ganz schöner Aufwand. Aber die Mühe wert! Fotos: Katja Tongucer

Was ich in Deutschland auch vermissen würde, sind die farbenfrohen Gemüsemärkte und das Streetfood. Leckere Simit, die allgegenwärtigen Sesamringe, gibt es in Deutschland kaum zu kaufen.

Simit-Verkäufer in Istanbul

Simit-Verkäufer in Istanbul.

 

In meiner Küche finden sich immer rote Linsen und Paprikaflocken (Pul Biber). Darauf könnte ich nur schwer verzichten.

Aber ich bin kulinarisch wirklich sehr flexibel und lasse mich gerne immer wieder auf Neues ein. (Das ist doch eine tolle Umschreibung für: „Ich koche eigentlich gar nicht so gerne und gut und meistens improvisiere ich.“)

Meine Schwiegermutter hat auch lange im Ausland gelebt. Sie ist mit ihrem Mann durch die halbe Welt gereist und hat auf allen Kontinenten längere Zeit verbracht. Ihr Koffer war immer voll mit türkischem Tee, Oliven und Schafskäse. Sie sagt aber – und das kann ich absolut nachvollziehen –, dass die Sachen trotzdem einfach nicht schmecken wie zu Hause. Die Atmosphäre ist eine andere, und der Genuss verblasst. Vielleicht verstärkt sich das Heimweh dadurch nur noch?

Vermutlich trifft dieses „im Hier und Jetzt leben“ auch zu, wenn es ums Essen geht. Deshalb sollten wir wohl lieber „im Hier und Jetzt genießen“. Weihnachtsplätzchen backt man ja auch nicht zu Ostern.

Vielen Dank für deine ausführlichen Antworten und die Einblicke ins Istanbuler Leben und Genießen, liebe Katja!

2 Gedanken zu “Deutsche Heimwehküche in der Türkei

  1. Elisabeth Mardorf

    Welch ein schöner Artikel! Beim Lesen erinnerte ich mich an zwei Sachen: In meiner Kindheit kam ein paar Mal eine kroatische Tante für mehrere Wochen zu Besuch. Sie fing schon morgens mit dem Kochen an und verwöhnte uns mit den zauberhaftesten Gerichten, die wir nicht kannten. Für sie stand ein gutes Essen auch an erster Stelle. Unser Vater kochte oft Sarma, und das ist eines der Gerichte, die heute noch Kindheits- Erinnerungen wecken. (Heute kochen mein Mann und ich uns quer durch die Weltgeschichte, am liebsten mediterran und orientalisch).
    Und als ich für ein Jahr in die USA zog, schenkten mir Freunde ein kleines deutsches Kochbuch mit klassischen Gerichten, die ich eigentlich sonst in meiner Studentenküche nicht zubereitete. Aber in den USA wuchs das Verlangen nach heimatlichem Essen, und so kochte ich dort zum ersten Mal Semmelknödel ( „roll dumplings“) und Spätzle („oh, so much cholesterol!“). Ein deutscher Freund wiederum, den ich in den USA kennenlernte, wünscht sich bei jedem Besuch, ich soll wieder meinen superleckeren American Cheesecake backen.
    Ja, Erinnerungen und Gefühle hängen oft am Essen … und Istanbul wollen wir unbedingt noch kennenlernen!

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