Brotaufstrich des Monats: Das Wieso und Weshalb

Letzte Woche habe ich ihn einfach kommentarlos eingeführt, heute stelle ich ihn etwas ausführlicher vor. Gestatten: der Brotaufstrich des Monats. Er ist: Frühstücksbrotaufhübscher, Abendbrotverführer, Für-Abwechslung-Sorger, Anregung zum Selbst-kreativ-Werden – vor allem aber eine Selbstverpflichtung für mich.

Einsatz für den Pürierstab: Ab jetzt gibt's regelmäßig Brotaufstriche.

Einsatz für den Pürierstab: Ab jetzt gibt’s regelmäßig Brotaufstriche.

Eine Selbstverpflichtung zu mindestens (!) zwölf Rezepten pro Jahr für Herzhaftes aufs Brot. Und anders als die anderen Herzhaft-aufs-Brot-Optionen, die unser Kühlschrank hergibt, sollen die Brotaufstriche des Monats vegan sein, also ohne tierische Produkte auskommen: ohne Käse, ohne Quark, ohne Sahne und Joghurt (Fleisch und Fisch gibt’s bei uns ohnehin nur in sehr seltenen Ausnahmefällen auf dem Brot).

Warum so eine Beschränkung, die auf den ersten Blick womöglich sogar radikal wirkt? Schließlich koche ich durchaus mal Gulasch, esse mit Genuss Matjes, gelüstet es mich hin und wieder nach einem Steak. Und jetzt auf einmal vegan?

(Achtung: Die Begründung ist ein bisschen lang ausgefallen. In Kurzform lautet sie: Tierische Produkte zu reduzieren ist nicht nur ökologisch eine gute Idee. Teilzeit-Veganismus könnte eine Lösung sein. An der praktischen Umsetzung arbeite ich noch: unter anderem dadurch, dass ich mich umschaue, was es fürs Frühstück an veganen Optionen gibt. Zum Beispiel: Brotaufstriche. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Wer es genauer wissen will: Jetzt kommt die Langform.)

Die ethisch-politisch-ökologischen Gründe

Zum Thema Fleischkonsum hat Isabel Bogdan neulich schon ausführlicher was gesagt, und das unterschreibe ich ausdrücklich. Ihr könnt euch also einfach rüberklicken und dort lesen. Ich rekapituliere die Sache trotzdem noch mal aus meiner persönlichen Sicht.

Zunächst einmal: Ich finde Fleischessen nicht böse. Auch ich habe Jonathan Safran Foers Tiere essen* gelesen und bin für mich zu dem Ergebnis gekommen, dass ich es vertretbar finde, Tiere zu halten und schließlich und endlich auch zu töten, damit sie uns Nahrung liefern. Sie sollen aber ein einigermaßen gutes Leben führen dürfen und beim Schlachten möglichst wenig leiden: Daher kaufe ich Fleisch und Milchprodukte von Bio-Händlern (nein, kein Discounter-Bio) oder vom Metzger, der Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren anbietet.

 

Und ja, ich scheitere da durchaus auch an den eigenen Ansprüchen. Eigentlich hatte ich mir z. B. vorgenommen, auch in Restaurants etc. Fleisch nur dann zu essen, wenn ich sicher sein kann, dass es von artgerecht gehaltenen Tieren kommt – diese Zurückhaltung gelingt mir nicht immer (aber immer öfter). Und dass Fische, selbst wenn sie noch so nachhaltig gefangen wurden, eben keinen kurzen, schmerzlosen Tod hatten, blende ich aus. Inkonsequent, definitiv. Ich arbeite dran.

Aber selbst wenn Fleischessen nicht böse ist: So richtig dolle ist es leider auch nicht. Und das Gleiche gilt für Milchprodukte und Eier. Die Stichworte kennt ihr vermutlich alle: Einsatz von vielen pflanzlichen Kalorien als Futter, um wenige Kalorien tierischer Lebensmittel zu produzieren; entsprechend ineffiziente Nutzung von Anbauflächen und Wasserressourcen, Tierdung-Entsorgungsprobleme der Massentierhaltung, Antibiotikaresistenzen, Treibhausemissionen und, und, und. Wer es alles noch mal genauer nachlesen möchte: Die Heinrich-Böll-Stiftung, der BUND und Le Monde Diplomatique haben gemeinsam den Fleischatlas herausgegeben, der „Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel“ zusammenstellt. Gute Lektüre, wie ich finde.

Veganismus als Lösung?

Heißt das, wir müssen jetzt alle zu Veganern werden? Eine müßige Überlegung, genau wie die dagegen häufig vorgebrachten Einwände, dann würden aber die nicht gemolkenen Kühe vor Schmerzen schreien und Nutztierrassen aussterben. Müßig deshalb, weil der Veganismus noch weit davon entfernt ist, zu einer Massenbewegung zu werden. Im Gegenteil: Weltweit wächst der Appetit auf Fleisch; gerade in den aufsteigenden Volkswirtschaften in Asien können sich immer mehr Leute dieses vergleichsweise teure Lebensmittel leisten. Was ihnen gegönnt sei. Nur leider nehmen eben die damit verbundenen Probleme weltweit zu. Weshalb vielleicht jetzt mal der Westen dran ist, den eigenen Konsum tierischer Produkte zu allermindest kritisch zu betrachten.

Und kritisch betrachten, das heißt auch für den Westen nicht totaler Verzicht. Das wäre nicht nur ein vollkommen unrealistisches Szenario, sondern auch überhaupt kein wünschenswertes. Das legt Theresa Bäuerlein in ihrem Buch Fleisch essen, Tiere lieben* für mich sehr überzeugend dar: Landwirtschaft erfordert Dünger. Das ist entweder Kunstdünger, der erschreckend energieaufwendig produziert werden muss und die Bodenqualität auf Dauer nicht gerade verbessert. Oder es ist Tierdung. Wer also biologische Landwirtschaft will (und ja, die halte ich für besser), der kommt nicht ohne Tiere aus.

Das vegane Teilzeit-Modell

Geduld, wir nähern uns den Brotaufstrichen! Denn jetzt kommt eine Idee, die ich faszinierend finde, auch wenn sie in meinem Alltag noch mehr Idee als Realität ist: VB6. Das ist die Kurzform für Vegan before six (und gleichzeitig der Titel des Buches*, das Food-Journalist Mark Bittman über dieses Konzept geschrieben hat).

Gemüse

Vor sechs darf es gerne Gemüse sein.

 

Die Idee dahinter lautet: Teilzeitveganismus. Wer täglich bis 18 Uhr nur pflanzliche (also vegane) Kost zu sich nimmt und erst danach zu Fleisch, Fisch, Milchprodukten und Eiern greift, der geht definitiv einen Schritt in Richtung nachhaltiges Ernährungsmodell. Bittman bezieht das zu einem nicht ganz unerheblichen Teil auch darauf, dass man dann gesünder lebt – mich machen Empfehlungen zur Ernährungsumstellung allerdings immer misstrauisch, wenn mir damit das Fitness-Schlankheits-Gesundheits-Heil versprochen wird. (Für ökologische Heilsversprechen bin ich dagegen deutlich empfänglicher, wie ihr merkt.)

Zoomen wir mal von den globalen ökologischen Zusammenhängen in meine private Küche. In der wird nach wie vor mit Fleisch, Fisch, Milch und Eiern gekocht. Konsequent vegane Ernährung käme für mich nicht infrage, denn Essen ist für mich Genuss. Ich will mir nicht ständig was verbieten müssen. Was mich an „Vegan before six“ fasziniert, ist die Idee, dass es eben nicht um Verzicht geht. Für mich geht es vielmehr darum, kreativ auszuloten, was mit pflanzlichen Lebensmitteln alles möglich ist – als dezidiert zusätzliche Möglichkeiten, die dann eben einen Teil des Tages bestimmen.

Die privaten Gründe

Was auch bei mir Zukunftsmusik ist. Bei VB6 bin ich noch längst nicht angekommen. Mittags im Büro gibt es oft Pasta mit gemüsiger Sauce – passt. Einen Ersatz für den Joghurt zum Frühstücksmüsli habe ich aber zum Beispiel noch nicht gefunden (alle bisher probierten Sojajoghurts waren fies). Im Moment richte ich mein Augenmerk darauf, die Optionen für das alternative Brotfrühstück zu erweitern.

Da führte für mich lange kein Weg am Käse vorbei. Marmelade und Schokocreme schmecken mir zwar, aber nur als „Frühstücksnachtisch“. Der erste Bissen am Morgen darf nicht zu süß sein. Wir schleppen wöchentlich wirklich Mengen Käse nach Hause, was nicht nur auf Dauer teuer ist, sondern dieses großartige Lebensmittel auch irgendwie ein bisschen entwertet. Dann lieber seltener Käse und den richtig wahrnehmen und genießen, statt ihn in rauen Mengen aufs Brot zu legen, finde ich. Zudem hatte ich schon länger das unbestimmte Gefühl, dass mir so viele Milchprodukte irgendwie körperlich nicht so recht guttun.

Nicht mehr nur alles Käse

Und jetzt sind wir wirklich bei den herzhaften Brotaufstrichen angelangt. Sicher, ich habe immer mal wieder ein Gläschen mit irgendeiner Paste gekauft, aber irgendwie habe ich nur selten welche gefunden, die wirklich meinem Geschmack entsprachen (zu viel auf Basis von Hefe oder fettigen Sonnenblumenkernen), und die wenigen hatte ich auch bald über.

 

Arbeitslos war er eigentlich nie. Aber jetzt darf er außer Suppen auch Brotaufstrichen zu Cremigkeit verhelfen.

Arbeitslos war er eigentlich nie. Aber jetzt darf er außer Suppen auch Brotaufstrichen zu Cremigkeit verhelfen.

Dass ich wirklich den Pürierstab aus der Schublade geholt habe und in die Eigenproduktion von Brotaufstrichen eingestiegen bin, das habe ich meinem wunderbaren Beruf zu verdanken. Denn gerade habe ich das Kochbuch Brotaufstriche selbst gemacht* von Martina Kittler lektoriert. (Es erscheint am 2. September, und ich empfehle es jetzt schon. Und nein, ich bin nicht am Umsatz beteiligt.) So viele tolle Rezepte, darunter ein ganzes Kapitel mit veganen! Die intensive Beschäftigung mit dem Buch hat bei mir wirklich die eigenen Ideen sprudeln lassen.

Tja, und von diesen Ideen präsentiere ich euch hier monatlich mindestens eine. Mit meinem Brotaufstrich des Monats will und werde ich nicht die Welt retten. Aber ich möchte meine Optionen erweitern und ausprobieren, was außer Käse noch alles auf dem Frühstücksbrot schmeckt. Und das ist – so viel kann ich jetzt schon sagen – eine ganze Menge.

Wie ist das bei euch? Spielen bei euch vegane Gerichte oder Mahlzeiten eine Rolle? Und habt ihr Brotaufstriche womöglich schon viel früher entdeckt als ich? Das würde mich wirklich interessieren. Und falls ihr bestimmte Brotaufstrich-Rezeptwünsche habt – immer her damit in den Kommentaren!

 

5 Gedanken zu “Brotaufstrich des Monats: Das Wieso und Weshalb

  1. Pingback: So was von kein Rezept: Salzzitronen | Schmeckt nach mehr

  2. Pingback: Guten Hunger? Viele Fragen und 3 Vorsätze zum Welternährungstag | Schmeckt nach mehr

  3. Bentolily

    Brotaufstriche wurden uns vor vielen Jahren von österreichischen Freunden nahe gebracht. Von diesen bekam ich auch die ersten Rezepte – damals schrieb man das noch mit der Hand auf Zettel ;-) Inzwischen steht jede Woche mindestens ein Aufstrich auf dem Tisch – meistens selbst gemacht, selten Gläschenware (finde da wenig, was uns schmeckt). Meistens mixe ich etwas auf Basis von Frischkäse zusammen, bin aber auf der Suche nach Alternativen. Abwechslung ist gesucht. Leider habe ich kaum Rezepte — bisher wurde Freestyle gemixt. Seit kurzem schreibe ich das eine oder andere in meinem Blog auf — und prompt habe ich einen Rückstau. Aufstrich machen geht halt deutlich schneller als zu verbloggen ;-)
    Werde wohl öfter mal hier reinschauen.

    1. Sabine Schlimm Artikel Autor

      Freut mich, dass du hergefunden hast! Ich werde dann auch gleich mal drüben gucken gehen … Um dir alle Brotaufstriche des Monats gesammelt anzeigen zu lassen, brauchst du nur auf die entsprechende Kategorie in der rechten Seitenleiste zu klicken.

  4. Pingback: Ferkelaufreger, Sündenbockreflexe und Ratlosigkeit | Schmeckt nach mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Indem Sie diese Seite weiter nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Auf dieser Website lautet die Cookie-Einstellung "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, ohne Änderungen an Ihren Cookie-Einstellungen vorzunehmen, oder unten auf "Akzeptieren" klicken, dann erklären Sie sich mit dieser Einstellung einverstanden.

Schließen